Assistive Technologie — Was steckt dahinter?
Unter assistiver Technologie versteht man Geräte, Software oder Methoden, die Menschen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten dabei helfen, alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Für LRS-Kinder umfasst das vor allem: Vorlese-Software, Spracherkennungssysteme, angepasste Schriftarten und Eingabehilfen.
Wichtig zu verstehen: Assistive Technologie ist kein Schummeln. Sie ist eine Kompensationsstrategie — genau wie eine Brille kein Schummeln ist, sondern eine Anpassung der Wahrnehmungsumgebung. LRS-Kinder, die Vorlese-Tools nutzen, hören Texte und verarbeiten Inhalte — sie lernen, nur anders.
Die wichtigsten Tools im Überblick
Hinweis: Alle verlinkten Apps sind externe Produkte. LERSI hat keine wirtschaftliche Verbindung zu diesen Anbietern.
Leistungsstarke Text-to-Speech-App, die PDFs, E-Books, Webseiten und Dokumente vorliest. Anpassbare Stimmen, Lesegeschwindigkeit, Hervorhebung des gelesenen Wortes. Besonders empfohlen für ältere LRS-Kinder und Jugendliche.
Kostenpflichtig (~14 €)
Integrierte Bildschirmlesefunktion von Apple. Kann beliebigen Text auf dem Gerät vorlesen. Unter Einstellungen → Bedienungshilfen → VoiceOver einrichtbar. Kostenlos, immer verfügbar.
Kostenlos (integriert)
Androids Pendant zu VoiceOver. Liest Bildschirminhalte vor und kann durch einfache Wischgesten gesteuert werden. Unter Einstellungen → Bedienungshilfen → TalkBack aktivieren.
Kostenlos (integriert)
Beide Plattformen bieten integrierte Spracheingabe: einfach das Mikrofon-Symbol auf der Tastatur tippen und sprechen. Für LRS-Kinder, die mündlich flüssiger sind als schriftlich, eine enorme Entlastung bei Texteingaben.
Kostenlos (integriert)
Systemeigene Rechtschreibkorrektur kann LRS-Kindern viel Energie sparen. Wichtig: auch Prädiktiv-Text aktivieren, sodass das Kind nur die ersten Buchstaben eingeben muss. Kein Lernersatz, aber eine direkte Arbeitserleichterung.
Kostenlos (integriert)
Liest gedruckten Text über die Kamera vor — Bücher, Ausdrucke, Notizzettel. Für LRS-Kinder nützlich, wenn sie schnell wissen wollen, was auf einem Zettel steht, ohne es selbst lesen zu müssen.
Kostenlos
Speziell entwickelte Schriftarten, die Buchstabenverwechslungen reduzieren sollen (schwerere Unterkanten vermeiden Verwechslung von b/d). Die Forschungslage ist gemischt — manche Kinder profitieren deutlich, andere bemerken keinen Unterschied. Ausprobieren lohnt sich.
Kostenlos
Digitale Hilfsmittel in der Schule: Nachteilsausgleich
Kinder mit nachgewiesener LRS haben in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf Nachteilsausgleich — Maßnahmen, die die Lernschwäche nicht ausgleichen sollen, sondern die Chancengleichheit herstellen. Das schließt auch digitale Hilfsmittel ein, je nach Bundesland und Schule:
- Vorlesen lassen bei Klassenarbeiten (durch Lehrkraft oder Software)
- Verlängerte Bearbeitungszeit (typischerweise 25–50 % mehr Zeit)
- Nutzung von Wörterbüchern oder Rechtschreib-Apps bei schriftlichen Aufgaben
- Mündliche statt schriftliche Prüfungsformate
- Texte in größerer Schrift oder mit mehr Zeilenabstand
Rechtliche Grundlage: Das Schulrecht der meisten Bundesländer sieht Nachteilsausgleiche für LRS ausdrücklich vor. Einige Bundesländer (z. B. Bayern, Baden-Württemberg) haben eigene LRS-Erlasse. Eine formale Diagnose durch Psychologen oder Schulpsychologischen Dienst ist Voraussetzung für die meisten Nachteilsausgleiche.
Nachteilsausgleich beantragen: Schritt für Schritt
- Diagnose einholen: Ohne schriftliche Diagnose von Psychologen oder Schulpsychologischem Dienst hat ein Antrag auf Nachteilsausgleich wenig Aussicht. Erst Diagnose, dann Antrag.
- Antrag an Schulleitung richten: Ein formloser Brief mit der Diagnose als Anhang genügt. Beantrage konkrete Maßnahmen (z. B. "30 Minuten zusätzliche Bearbeitungszeit bei Klassenarbeiten").
- Schulkonferenz / Klassenkonferenz: Über Nachteilsausgleiche entscheidet in vielen Bundesländern die Schule selbst. Lehrerkonferenzen legen fest, was im Einzelfall möglich ist.
- Bei Ablehnung: Eltern können den Schulpsychologischen Dienst einschalten oder Widerspruch beim Schulamt einlegen. Bundesverbände wie der BVL beraten kostenlos.
Häufige Fragen zu digitalen Hilfsmitteln bei LRS
Welche kostenlosen digitalen Hilfsmittel gibt es für LRS?
Apple VoiceOver (iOS), Google TalkBack (Android), Spracherkennung und Diktierfunktion auf beiden Plattformen sowie Seeing AI (Microsoft, iOS) sind allesamt kostenlos und direkt nutzbar.
Darf mein Kind digitale Hilfsmittel in der Schule nutzen?
Mit einem anerkannten Nachteilsausgleich ja — je nach Bundesland und Schule. Eine formale LRS-Diagnose ist Voraussetzung. Der BVL berät kostenlos bei der Beantragung.
Hilft eine spezielle Schriftart wie OpenDyslexic bei LRS?
Die Forschungslage ist gemischt. Manche Kinder profitieren deutlich, andere bemerken keinen Unterschied. Ausprobieren ist kostenlos — viele Lese-Apps und Browser-Erweiterungen bieten OpenDyslexic an.
Tools sinnvoll einführen — ohne zu überfordern
Zu viele neue Tools auf einmal überfordern Kinder und Eltern. Empfehlenswert: Ein Tool pro Monat einführen, es gemeinsam ausprobieren, und entscheiden, ob es hilft. Was das Kind selbst nützlich findet, wird es nutzen. Was ihm aufgezwungen wird, wird es meiden.